Seyara! – Autofahren

seyara.jpgDa das Autofahren in Syrien – wie gesagt – ein Erlebnis ist, möchte ich euch meine erste Fahrt beschreiben: die ersten zweieinhalb Stunden Syrien. Wir starten vom Flughafen Damaskus, gelangen schnell auf die Autobahn und fahren am Ende über lange Serpentinen, die sich in engen Kurven durch kleine Dörfer bis zu den Wohnheimen der Uni schlängeln. Der Himmel ist sternenklar und während des letzten Teils der Strecke ist der Ausblick über eine fast unberührte mondbeschienene Hügellandschaft wunderschön. – Momentan sind wir aber am Flughafen, und die Gegend hat nichts Romantisches und ist erst recht nicht „unberührt“;

Die erste Erkenntnis: Das Wichtigste an einem syrischen Auto ist die Hupe.
Mein Fahrer ließ den Motor an und begann zu hupen. Die nächsten zweieinhalb Stunden sollte er damit nicht mehr aufhören. E. parkte aus, hupte wie wild ein Auto an, das die enge Straße blockierte, weil der Fahrer offensichtlich ein kleines Schwätzchen hielt – und begann prompt selber seelenruhig in seinen Taschen zu kramen, sobald die Straße wieder frei war, um sie seinerseits zu blockieren. Das Hupkonzert hinter ihm ignorierte er dabei völlig. Minutenlange Huperei, ohne dass wir überhaupt die Fahrt begonnen hatten! Und so ging es dann weiter…

Der Syrer hupt. Er hupt, um seinen Unmut und sein Unverständnis zu äußern, um sich zu bedanken und um zu beleidigen, um die Straße frei zu bekommen und Bekannte oder Unbekannte am Straßenrand zu grüßen, um sich anzukündigen und zu verabschieden, und nicht zuletzt vor jeder Kurve und an jeder Kreuzung: Bremsen ist eben nicht das Mittel der Wahl, und daher hupt man wenigstens eine Warnung, dass gleich etwas ungebremst um die Kurve schießen wird und die Mutti mit Stock besser von der Straße hüpfen sollte.

Neben der Hupe ist außerdem die Lichthupe sehr wichtig. Und da diese die dumme Eigenschaft hat, nur nach vorne zu blinken, muss für Kommunikation nach hinten die Warnblinkanlage herhalten. Schließlich möchte man auch dem Hintermann manchmal signalisieren, dass seine Mutter struppiges Fell, lange Ohren und einen haarigen Schwanz hatte, und das beherrscht der durchschnittliche Autofahrer in Syrien nonverbal hervorragend. Neben Hupe und Lichthupe eignet sich dazu auch ganz besonders die Bremse: Dicht Auffahren und Ausbremsen (vorzugsweise in der Mitte der zweispurigen Straße, versteht sich!) produzieren so viel Stress, dass das Autofahren erst richtig Spaß macht.

Das letzte wichtige Instrument auf den syrischen Straßen ist der Blinker. Ausschließlich der linke übrigens, und nie um sich irgendwo einzuordnen oder abzubiegen! In erster Linie dient links Blinken – wohl wie überall – als Signal: „Fahr schneller, Sohn eines Ochsen, ich will überholen!“ Aber anders als ich es zum Beispiel aus Deutschland kenne, setzen hier nicht nur schwarze Nobelschlitten und Leute, die mit 200 km/h unterwegs sind, diese Waffe ein, sondern jeder motorisieret Eselkarren – und dabei ist es völlig egal, ob er rein theoretisch jemals in der Lage wäre, seinen Vordermann zu überholen, oder nicht. Irgendwie gehört Blinken zum guten Ton – und ich glaube, es ist auch ansteckend. Wenn besagter Eselkarren damit anfängt, wird sofort der Wagen vor ihm – aber auch der Wagen neben ihm anfangen, links zu blinken. Warum auch immer, ma be *rif! Irgendwann blinkt die ganze Kolonne und sicher wird sie ihre Gründe haben – aber noch sind sie mir verschlossen. Ich werde es euch mitteilen, sobald ich ein Muster erkenne! ;)

Das Chaos auf den syrischen Straßen ist jedenfalls symptomatisch. Es kommt nicht selten vor, dass auf schmalen zweispurigen Straßen drei Autos und ein Motorrad nebeneinander fahren. Jeder scheint sich irgendwie drauf zu verlassen, dass der andere schon reagieren wird, und wirklich funktioniert dieses heikle Zusammenspiel ganz gut – auch wenn immer mal wieder komplett zerstörte Autowracks am Straßenrand stehen. In Eile sieht man die Syrer ja eigentlich eher selten – es sei denn, sie sitzen im Auto. Dann muss es schnell gehen, und zwar um jeden Preis!

Die ganze Fahrerei ist auf jeden Fall ein Erlebnis. Es versteht sich von selbst, dass man dabei grundsätzlich nicht angeschnallt ist und seine Geschwindigkeit der hervorragenden Qualität von Straßen und Fuhrwerken anpasst. Da sich die Fußgänger und Zweiradfahrer beinahe ebenso chaotisch verhalten, wie die Autofahrer, ist der Syrer Gott sei Dank immer bremsbereit und auf alle möglichen Fremdeinwirkungen von allen Seiten vorbereitet. Jedenfalls hoffe ich das. In šā’ Allah!

Jalla! – Die Anreise

flug.jpgLos ging es am letzten Sonntag, 15.4.07: mit Air France über Paris nach Damaskus und von Damaskus mit dem Auto ins Wadi Al-Nadara, eine fruchtbare, mediterrane Hügellandschaft im Westen Syriens, nahe der Grenze zum Libanon und dem Mittelmeer.

Der Abschied ist mir nicht leicht gefallen und entsprechend traurig war der Beginn der Reise am Flughafen Tegel. Da war plötzlich die kribbelige Freude auf den Aufbruch, die Neugier auf Syrien und die Syrer, die Lust auf die Arbeit am Aufbau einer deutsch-syrischen Uni verschwunden. Aber was soll’s, ein paar Taschentücher hatte ich noch und die aufmunternden Witze eines netten Mitarbeiters am Gate halfen.

Die Reise verlief, wie Flugreisen eben so laufen – lang, eng und recht ereignislos. Immerhin war der Himmel wolkenlos. Schmunzeln musste ich über die Ansage, dass das Gepäck am Flughafen Charles de Gaulle auf dem „Karüssell 14“ wartet, und dass man sich beim Durchqueren von Abschnitt F dieses Monstrums von Fluggästeumschlagplatz eine Blase laufen kann, hätte ich auch nicht gedacht. „To Damas, to Damas“ wurde ich zum Glück schnell an der riesigen Schlange vor der Passkontrolle vorbei geschleust, im Schnelldurchlauf durchsucht, und mit zerfleddertem Gepäck zum Gate getrieben; Irgendwie schien man es eilig zu haben – und trotzdem startete die Maschine am Ende erst mit einer guten Stunde Verspätung. Erstaunlich lecker war übrigens das Essen an Bord; eine Quiche und Lachstortellini :)

Später habe ich mir sagen lassen, dass ich Glück hatte: Die meisten Besucher der Wadi-Uni konnten in letzter Zeit wegen Überbuchung die gebuchte Maschine nicht nehmen – ich bin also froh, dass ich nicht in Paris gestrandet bin.

Über dem Bosporus steigerte sich meine Laune dann spürbar. Gespannt auf das Land genoss ich abwechselnd meinen Fensterplatz oder „Die dunkle Seite der Liebe“ von Rafik Schami und fühlte mich immer kribbeliger (Ob ich den Fahrer, der mich abholen soll, finde? – Hoffentlich haben sie wirklich mein Zimmer vorbereitet! Und bitte mach, dass ich es nicht mit Kakerlaken und Wanzen teilen darf… – Pffhh… wir sind 3000 km geflogen und hier verbringe ich jetzt das nächste halbe Jahr! Aber arrangieren kann man sich ja eigentlich mit allem… Kann ich doch, oder?!).

Doch als wir dann den Landeanflug auf Damaskus begannen, wurde mir feierlich. Die Sonne schien mich auf meinem Weg an Land begleiten zu wollen und tauchte die karge Felslandschaft im damaszener Umland in ein glühendes Rosarot. Wir drehten ein paar Runden um den Flughafen – der übrigens vergleichsweise winzig ist –, und langsam wurden einzelne Siedlungen in der typischen arabischen Bauweise – sandfarbene Steinquader, schlanke, schöne Minarette und einzelne Kuppeldächer – sichtbar, die mich schon auf meiner letzten Reise in den Nahen Osten bezaubert hat. Als wir dann endgültig zur Landung ansetzten, verschwanden die letzten Sonnenstrahlen zwischen den Hügeln und in der Stadt wurden die Lichter angeschaltet – ganz sicher ein weiterer Willkommensgruß, nur für mich! :)

Syrien betrat ich also deutlich beschwingter, als ich Deutschland verlassen hatte. Jetzt musste ich nur noch eine weitere Passkontrolle hinter mich bringen – die viertel Stunde Wartezeit verschaffte mir dann auch schon gleich den ersten Einblick in syrische Bürokratie bzw. das extrem ausgeprägte Hierarchiedenken der Syrer. Faszinierend, das Miteinander der Leute an der Passkontrolle zu beobachten; das Gehabe dicker Männer in Uniform mit mehreren Sternen oder teuren Anzügen, das Verhalten Normalsterblicher, wenn plötzlich jemand auftaucht, der offensichtlich das Sagen hat, die Freundschaftsdienste, die Einzelnen gewährt werden und Anderen nicht… Aber auf die Syrer werde ich an anderer Stelle sicher noch einmal eingehen.

Ich durchlief jedenfalls die Passkontrolle und durfte endlich – nach einer zwölfstündigen Reise – damaszener Boden betreten. Schnell fand ich den netten Fahrer der Uni, E., der ein Schild mit meinem Namen hochhielt und mich ohne Umstände ins Auto verfrachtete. Eine Autofahrt in Syrien, das durfte ich schnell lernen, ist übrigens nichts für schwache Nerven. Aber wenn man es mit Humor nimmt, kann es sehr unterhaltsam sein. ;)

Von der Landschaft habe ich auf der Fahrt nicht viel gesehen, dazu war es zu dunkel, und auch Damaskus konnte ich nur in der Ferne erahnen. Dafür haben wir uns hervorragen Unterhalten, E., und ich – wobei er kein Wort Englisch und ich kein Wort Arabisch konnte und wir uns also mit Händen und Füßen verständlich machen mussten bzw. munter in einer dem anderen offensichtlich unverständlichen Sprache drauf los gequatscht haben – und wenigstens ab und an haben wir uns bestimmt auch richtig verstanden.

Unter anderem wurde mir eine gigantische Statue von Präsident Assad gezeigt (ich weiß nicht wie viele Meter hoch, die Hand zum Gruß erhoben, hell angestrahlt, bombastisch auf einem Hügel stehend, beherrscht der Gute das Land), eine Raffinerie in Homs, diverse Namen von Städten und Städtchen und eine Autobahnraststätte, an der mir Kaffee (arabisch natürlich, ungefiltert und mit Kardamom versetzt) und vor Honig triefender Kuchen serviert wurden.

Gegen 23.00 – mit einer Stunde Zeitverschiebung, der Sonne entgegen – kamen wir dann am Ziel an. Ich registrierte nur noch erleichtert, dass das Studentinnenwohnheim neu gebaut und sauber, mein Zimmer hell, freundlich und sogar mit Balkon war, begrüßte ein paar Mitbewohnerinnen, telefonierte kurz mit meinem Freund, sank dann ins Bett und schlief sofort tief und traumlos ein.

Bloggeburtstag

- noch bin ich in Deutschland, noch geht es nicht los! -

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